"Embryo ist das Gegenteil von Hippie"

WOZ Die Wochenzeitung 20.5.04 Im Gespräch Nick McCarthy, Gitarrist, Sänger und Keyboarder von Franz Ferdinand. Interview: Christoph Wagner

Bevor Nick McCarthy mit der schottischen Rockgruppe Franz Ferdinand zu Weltruhm kam, absolvierte er eine Lehre bei der Musiknomadengruppe Embryo aus München. Die Band um den vibrafonisten undSchlagzeuger Christian Burchard feiert dieses Jahr ihr 35-jähriges Bestehen.

Woz: Sie haben in München Musik studiert. Wie kamen Sie zu Embryo?

NickMcCarthy: Embryo bin ich das erste Mal Ende der neunziger Jahre bei einem Auftritt vor dem Europäischen Patentamt in München bei einer Protestaktion gegen die Patentierung von Saatgut begegnet. Bauern aus Lateinamerika waren da, und Embryo machte Musik. Ich blieb stehen, weil die Band auf fremdartigen Instrumenten ganz eigenartige Musik machte. Ich dachte, dass man die auch eingflogen hätte. Ein paar Wochen später lernte ich Karsten Hochapfel kennen, der bei Embryo Cello spielt. Wir musizierten zusammen in einer Band, die dann nach und nach von Embryo geschluckt wurde. Zuerst ging der Schlagzeuger, dann der Flötist und schliesslich lief auch ich über. Ich war total fasziniert: Das war echte Musik, viel Improvisation, keine Noten, doch der Standard war extrem hoch. Embryo - Leader Christian Burchard ist der unglaublichste Musiker, dem ich je begegnet bin.

Woz: Embryo stammt aus der Urzeit deutscher Rockmusik und gilt bei vielen als Hippieband. war das auch Ihr Eindruck?

NickMcCarthy: Die Bezeichnung Hippie ist ja heute ein Schimpfwort und bedeutet, dass man sich nicht anstrengt, dass alles ein bisschen lasch und fade ist. Embryo ist genau das Gegenteil: extrem harte Arbeit. Christian Burchard lud mich ein, mitzumachen. Sie spielten diese äusserst schwierigen Stücke aus Indien, Marokko und der Türkei von extremer rhythmischer und harmonischer Komplexität. Ich war geschockt, weil ich nichts kapierte. Ich meinte, dass ich ein bisschen Bass spielen könnte und dann das: null Durchblick! Ich habe dann so getan, als ob ich mitspielen würde und die Proben auf Kassettenrecorder mitgeschnitten. Daheim habe ich mich reingekniet. Ich übte wie ein Wilder obwohl es vonseiten der Band keine Erwartungen gab. Es liegt allein an dir. Wenn man die Stücke nicht kann, ist man selber schuld. Dann macht es keinen Spass. Bei Embryo lernt man nicht im Übungsraum, sondern direkt auf der Bühne. Learning by doing! Doch es geht nicht darum, das Repertoire zu kennen, sondern fürs Leben zu lernen. Das einzige Ziel ist es, ein besserer Musiker zu werden.

Woz: Sind Sie mit der Embryo- Karawaneauf Tour gegangen?

NickMcCarthy: Am Anfang war ich der Kleine und habe nur sporadisch bei Auftritten in München mitgespielt. ManchmaI waren zwei Bassisten da, die besser waren als ich, also habe ich pausiert. Mit der Zeit kam ich immer besser rein und war dann bei Konzerten in ganz Deutschland dabei. Dann gings nach Italien. Und plötzlich hiess es: Kommst du mit nach Marokko? Es sind immer drei, vier junge Musiker mit von der Partie und ein paar Altgediente, die als Mentoren fungieren.

Woz: Wie war es in Marokko?

NickMcCarthy: Super cool. Man fährt einfach drauflos. Auf dem Weg werden dann Konzerte ausgemacht, etwa in Spanien, um das Geld reinzukriegen für die Fahrt nach Marokko. Das haut manchmal hin, manchmal nicht. Wenn Ebbe war, haben wir eben auf der Strasse gespielt, um ein bisschen Geld zu verdienen. In Marokko war nichts geplant. Für Geld kann man dort eh nur in Hotels für Touristen spielen, was wir auch gelegentlich gemacht haben. Viel wichtiger war aber, einheimische Musiker zu treffen, wo immer sich die Gelegenheit bot. Wir haben viel mit marokkanischenMusikern, darunter auch Meistern, gejammt, sind nachts aufgeblieben, habenmit denen im Wohnzimmer gespielt - fantastisch.

Woz: Embryo gilt als Pionierensemble der Weltmusik. Wie würden Sie die Gruppe einordnen?

NickMcCarthy: Weltmusik ist ein anderes Schimpfwort. Damit meint man meistens diesen Ethno-Fusion-Schrott. Damit hat Embryo nichts zu tun. Embryo ist nicht so sehr ein Musikstil, sondern eine Haltung. Es geht um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit traditioneller Musik. Dahinterverbirgt sich ein soziales Anliegen: die Welt durch Musik zusammenzubrlngen.

Woz: Wie geht Ihre Embryo-Vergangenheit mit Franz Ferdinand zusammen?

NickMcCarthy: Das ist kein Problem. Alex Kapranos von Franz Ferdinand ist halber Grieche und stark an Rembetika-Musik interessiert. Wir wollten ursprünglich ein Volksmusikensemble gründen. Wir spielten Rembetika-Stücke, er Bouzuki, ich Banjo beziehungsweise Kontrabass. Ich steuerte Nummern aus Marokko und der Türkei bei, die ich von Embryo kannte .Auch traditlonelle bayrische Stücke haben wir gespielt, was recht lustig war.